Wien ist anders

Von admin | 10:18

Foto: ©WienTourismus/Manfred Horvath

Das steht schon bei der Einfahrt, wenn man aus dem Westen anreist  und es stimmt. Ich weiß nicht, ob es immer noch so ist, aber das erste Mal – vor fast 20 Jahren – als ich in Wien ankam, hatte ich olfaktorisch das Gefühl mitten in einem arabischen Bazar zu landen. Auch der Wiener ist anders: Dazu kann ich nur alles was Helmut Qualtinger dazu gesprochen und geschrieben hat empfehlen. Aber Wien will ja nicht nur beschrieben, sondern auch entdeckt werden.

Also fangen wir im Westen an. Vorbei an den Jahrhundertwende Villen (das vorletzte) geht es gleich zum Schloss Schönbrunn, der beliebtesten Sehenswürdigkeit von Wien. Mich beeindruckt immer, dass die Bauzeit – nämlich fünf Jahre – jenem meines Elternhauses entspricht. Da uns das andere Wien interessiert, empfehle ich einen Spaziergang zur Gloriette hinauf. Nicht nur, dass der Ausblick wunderbar ist, als Nicht-Sportler hat man eine Riesenfreude mit den keuchenden Läufern, die sich den Hügel hinauf quälen.

Nach Schönbrunn geht es immer noch der Nase nach und man landet, fast ohne abzuzweigen, direkt am Naschmarkt. Früher ein echter Geheimtipp, inzwischen versinkt er aber im Gastrodschungel der Bobo-Society. Wer sich literarisch für den „alten“ Naschmarkt interessiert, dem sei das Buch „Die Naschmarkt-Morde“ von Gerhard Loibelsberger ans Herz gelegt. Fast noch abseits der Touristenmassen besticht der Brunnenmarkt im 16. Bezirk durch Auswahl, Flair und Preise.

Im Herzen von Wien liegt die Innere Stadt mit allen Shoppingtempeln und natürlich dem Stephansdom. Wirklich nett ist es aber auch hier etwas abseits. Eine wunderschöne Kirche ist Maria am Gestade, mitten im ältesten Teil Wiens. Die Synagoge in der Judengasse ist sehr interessant und wenn man Zeit hat, kann man einen Blick ins Dorotheum, dem Wiener Auktionshaus, werfen. Blicke werfen ist überhaupt ein gutes Motto in Wien. In vielen Hinterhöfen verstecken sich wahre Perlen, Stadtheurige, private Gärten oder Pawlatschen.

Museen müssen natürlich auch erwähnt werden. Lustig ist das Theatermuseum, da bekommt man gleich etwas der Wiener Theaterkultur mit, das Freudmuseum in der Berggasse für Fans der Psychoanalyse und der Narrenturm – wirklich herrlich morbid und gut versteckt von den Massen im Alten AKH versteckt. Wir wären nicht in Wien, wenn der Tod nicht immer auch ein bisschen eine Rolle spielen würde. Wenn man raus zum Flughafen fährt, dann findet er sich zur linken Seite. Der Zentralfriedhof. Angeblich liegen hier mehr Tote als Menschen in Wien leben. Prinzipiell ist er einen Ausflug wert (bitte nicht Allerheiligen und Allerseelen), wobei man dabei ruhig einen Abstecher in das Schloss Neugebäude machen kann und keinesfalls vergessen werden darf dabei das Cafe Restaurant Schloss Concordia, bei dem sogar das Hundefutter auf der Speisekarte und der Zeiger der Uhr immer auf fünf vor zwölf steht. Zurück zum Thema Friedhof: „Friedhof der Namenlosen“ (er kommt auch im Film Before Sunrise vor), ebenfalls im 11. Bezirk aber schon recht tricky zu finden. Allerdings ein echter Geheimtipp. Hier wurden früher die nicht identifizierten Leichen aus der Donau begraben – heute ist er stillgelegt, aber wunderbar verwunschen.

Apropos schräg und morbid. In den Untergrund führt die „Dritte Mann Tour“ durch das Kanalsystem zu den Originaldrehorten des gleichnamigen Films. Achtung, sie findet im Winter nicht statt. Wien wäre nichts ohne seine Kaffeehauskultur. Hier ist das Café Eiles wirklich nett (angeblich sitzt hier der Kabarettist Josef Hader und schreibt an seinen Programmen) oder das Café Westend gegenüber des Westbahnhofs. Die genauen Cafébezeichnungen bitte im Guide anschauen, ich glaube nicht, dass viele Leute unter 50 noch versiert darin sind. Ja, apropos Kulinarisches. Jeder Reiseführer wird vermutlich den Schnitzelwirt  in der Neubaugasse empfehlen – gleich um die Ecke, genauso billig, aber dafür von echten Wienern frequentiert  sind die „2 Liserln“.

Foto: ©WienTourismus/Peter Rigaud

 Ein bisschen höherpreisig geht es natürlich auch: Fisch ist am Besten im „Kornat“ in der Marc Aurel Straße im 1. Bezirk, urige Wiener Küche im „Ubls“ im 4. Bezirk und gehoben Österreichisch im „Österreicher im MAK“. Das Nachtleben ist recht vielfältig. Ich finde immer das „Tanzcafe Jenseits“ in der Nelkengasse im 6. Bezirk ganz nett. Das Ambiente ist plüschig – da ein ehemaliges Bordell – aber gegen Mitternacht meist wirklich lustig und ach ja, man sollte eher kontaktfreudig sein. Jazzig wird es im Porgy & Bess und klassische Disco gibt es im U4.

Noch ein letzter Tipp: Die Würstelstände sind fast alle ausgezeichnet – Wiener heißen bei uns übrigens Frankfurter. Wenn sie sich als einheimischer Urwiener ausgeben wollen hilft folgender Satz: „A 16er Eisen und a Eitrige mit an Bugl.“ Bedeutet eine Dose Ottakringerbier mit einer Käsekrainer und dem Endstück eines dunklen Brotes. Nähere Infos zum Würstelstandvokabular.

Gast Bloggerin ist: Gerlinde Seebacher, 36, PR Expertin unter anderem für Tourismus, Heimatort Wien, Interessen: Reisen, Kochen, Renovieren & Lesen.
 

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