Karneval in Portugal

Von nicole | 08:43

Kunstvoll und detailverliebt dekorierte Umzugswagen, bunte luftige Kostüme, Samba und politische Anspielungen – es ist Karneval an der Algarve. Eine Reportage

Auch an der Algarve in Portugal wird Karneval gefeiert. Allerdings ist Karneval nicht gleich Karneval. Im Süden Portugals ähnelt er weniger dem Karneval in Köln oder Mainz, sondern vielmehr dem brasilianischen. Ernste Themen sind deshalb aber keineswegs tabu: auch die politische Krise des Landes wird thematisiert.

Loulé und Moncarapacho sind karnevalistische Hochburgen

Es ist Sonntagnachmittag, 14:30 Uhr. Auf dem zentralen Platz in Moncarapacho finden sich nach und nach immer mehr Menschen ein, Touristen wie Einheimische. Aus allen Richtungen kommen sie herbei geschlendert, um sich einen Platz mit guter Sicht zu sichern. Rasch sind die wenigen Tische vor den Cafés am Platz neben der Kirche besetzt. Vorm Café Ana am oberen Ende des Platzes krallt sich eine Gruppe Engländer die letzten freien Stühle. Mit ausladenden Gesten und lautem Lachen signalisieren sie der Welt, wie gut sie drauf sind. Sie bestellen etwas, das wie Weinbrand aussieht und kaufen dem herumlaufenden Straßenhändler alberne, mit Pailletten bestickte Cowboyhüte ab. Außerdem eine Motorsäge – weiß der Himmel, was sie damit wollen, hier und heute, und wo der Verkäufer die Säge her hat.

 

Foto: Lucy M. Laube

Den größten Karnevalsumzug und die buntesten Kostüme an der Algarve gibt es in Loulé. Doch auch Moncarapacho, ein hübsches, im Grunde eher verschlafenes Nest, ist ein Zentrum des karnevalistischen Treibens. Und so sieht man einen prachtvoll geschmückten Umzugswagen nach dem nächsten in Startposition rollen.

 

Nicht regenfest: kunstvolle Umzugswagen mit Papierblumen

Der Haupttag des Karnevals an der Algarve ist der Faschingsdienstag. Doch die Umzüge in der Umgebung finden über mehrere Tage hinweg statt. Es muss sich schließlich lohnen, sind die Vorbereitungen doch äußerst aufwendig. Das ganze Jahr über werden die liebevoll gestalteten Umzugswagen hergestellt und dekoriert – mit Figuren aus Draht und Glasfiber und unzähligen Papierblumen. Welch Katastrophe, wenn dann das Wetter nicht mitspielt und es regnet und stürmt. Doch die Portugiesen zeigen sich in solchen Fällen flexibel und clever: da wird der Karnevalsumzug schon mal kurzerhand auf den Aschermittwoch verlegt. Hauptsache, die Sonne lacht.

Doch an diesem Sonntag hat der Wettergott ein Einsehen. Hatte es am Morgen noch geregnet in Moncarapacho, strahlt am Nachmittag die Sonne von einem puren blauen Himmel, und die Farben der Kostüme und Papierblumen könnten nicht besser zur Geltung kommen. Um 15:30 Uhr setzen sich die Wagen in Bewegung, Mädchen werfen von oben Konfetti und Bonbons auf die Zuschauer herab und aus den überall angebrachten Lautsprechern dröhnt fröhliche Musik.

Samba, Fußball und die Krise in der Endlosschleife

Gezogen werden die Umzugswagen von kleinen Traktoren unter anderem der Marke Lamborghini, die Fahrer machen ein neutrales oder demonstrativ gelangweiltes Gesicht – nicht sie stehen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern die überwiegend recht spärlich bekleideten Damen und Herren sowie Kinder auf den Wägen. Es gibt Motivwagen von lokalen Musik-, Tanz- und Sambagruppen, Wagen mit dem auch in Portugal wichtigen Thema Fußball, aber auch politische Satire gehört traditionell dazu. „Die Krise“ steht im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses und somit auch des Karnevals.

Weil es so viele Wagen nun auch wieder nicht sind, werden einfach mehrere Runden gefahren. Zum vierten Mal kommen die Wagen nun am zentralen Platz von Moncarapacho in langsamem Tempo vorbeigefahren, und die Kinder des Ortes stehen noch immer da in ihren Engels- und Teufelskostümen, als Prinzessin, Pippi Langstrumpf oder Superman verkleidet und haben ihren Spaß. Vorm Hauptportal der Kirche springt ein kleiner blauer Delphin herum, bis er von seiner Mama eingefangen und in seinen Buggy gesetzt wird, weil es Zeit für das mitgebrachte Gläschen Brei ist.

Auch die anderen Zuschauer haben Gelegenheit, sich zwischendurch für die nächste Runde zu stärken: nicht nur die Cafés im Ort bieten Speis und Trank, eigens zum Karneval sind überall Stände aufgebaut, an denen es fettige Krapfen, selbstgebackenen Kuchen, dessen Erlös einem gutem Zweck zugeführt wird, und natürlich Bier gibt. Hier gibt es dann doch wieder Parallelen zum deutschen Fasching.

Foto: Lucy M. Laube

Portugiesischer Karneval: dem Genuss frönen oder flüchten

„Rechnen Sie beim Tanzen auf der Straße damit, dass Ihnen kleine Wasserbomben auf den Kopf fallen“, warnt urlaub.de unter dem Stichwort Algarve den Portugalurlauber. Karneval, der Beginn der Fastenzeit, wird auch in Portugal mit ausgelassenem Genuss eingeläutet. Doch auch dort, wo die Fastenzeit ausbleibt, ist der Karneval geblieben. Schließlich ist er Tradition und Wirtschaftsfaktor. In der deutschsprachigen Zeitschrift „Entdecken Sie Algarve“ konstatiert Henrietta Bilawa: „Die steigende Präsenz des Karnevals in Portugal schafft mittlerweile die ersten Karnevalsflüchtigen in der eigenen Bevölkerung: Kurzreisen über die Karnevalstage ins Ausland finden reißenden Absatz in den Reisebüros.“

 

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